Asien/Übersee/Indien

Die Rikschafahrer von Mysore

Es ist nicht in erster Linie die exotische Landschaft und auch nicht die unglaublich wohlschmeckende Küche, die Indien zu einem ganz besonderen Reiseziel machen, sondern die Menschen, die in diesem Land leben. Deshalb möchten wir diese Menschen auch in den Mittelpunkt einer Serie stellen, die wir über unseren Indienaufenthalt vor mittlerweile drei Jahren bloggen werden. Unser Indienaufenthalt begann im Dezember 2011 nach einem Flug nach Bangalore und einer ersten aufregenden Busfahrt nach Mysore, einer 890.000 Einwohnerstadt in Karnataka, einem der südlichen Bundesstaaten Indiens. Wir lebten dort auf Empfehlung einer Tante in einem wunderbaren Roof-Top-Appartment in einem Home Stay. Die Vermieterin empfahl uns dann auch gleich einen Rikscha-Fahrer, der uns am nächsten Morgen zur Erkundungsfahrt mit seiner Motorrikscha abholte.

Wir entschieden uns, als erstes den Chamundi Hill, etwas außerhalb von Mysore anzuschauen: auf diesem befindet sich der Chamundeshwari-Tempel, der Durga, einer der wichtigsten Göttinnen der Hindu-Welt gewidmet ist. Für uns war klar, dass wir vom Tempel über die vielen Stufen hinunter zum Tal steigen wollen: das erklärten wir auch unserem Rikscha-Fahrer der uns mit einem Kopfschütteln Zustimmung signalisierte (Kopfschütteln bedeutet in Indien JA) und uns den Weg zum Tempel deutete. So machten wir uns am ersten Tag auf zur Besichtigung des Tempels (ein Abenteuer für sich) und danach stiegen wir über die Treppen den Berg hinunter.

Am Weg begegneten uns Reiter, fromme Pilger, die den Berg besteigen und dabei jede einzelne Stufe mit Farben markieren. Außerdem viele Affen, die von den Pilgern Futter erbetteln – der Affengott Hanuman ist äußerst populär und deshalb werden die Affen gerne mit kleinen Leckereien verwöhnt. Am Fuße des Hügels angekommen, warteten wir dann auf unseren Rikscha-Fahrer, mit dem wir vereinbart hat, dass er uns zu Mittag hier abhole – vergeblich. Nach einiger Zeit entschieden wir dann Richtung Mysore zurück zu spazieren.

Hier folgte das zweite Rikscha-Abenteuer – denn nach einigen Metern blieb ein junger Rikscha-Fahrer stehen, der einen Freund bei sich hatte. Die beiden wiesen uns darauf hin, dass es weit sei und außerdem viel zu heiß zum Wandern und überzeugten uns schließlich davon einzusteigen. Die Rikscha war mit Boxen aufgemotzt und die ganze Fahrt wurden wir mit Hindi-Pop beschallt. Angekommen stiegen wir aus, zahlten den Fahrer – es war, wie fast alles in Indien, sehr günstig und wollten losmarschieren. Der Fahrer rief uns etwa nach – ich dachte, der will mehr Trinkgeld und ging weiter; immerhin hatte ich bezahlt und auch etwas draufgelegt. Plötzlich legte sich eine Hand auf meine Schulter und der Fahrer stand vor mir: in der Hand hielt er einen Geldschein, der mir aus der Tasche gerutscht war: der Geldschein machte ein Vielfaches des Fahrtgeldes aus. Ehe ich mich richtig bedanken konnte war der junge Mann schon wieder weg und wir wussten – wir lieben Indien! Als wir am Abend zurück in unser Quartier kamen, war die Vermieterin schon ganz aufgeregt: der Rikschafahrer hatte sich bei ihr gemeldet und ihr gebeichtet, dass er ihre Gäste verloren hatte. Er hatte am Berg des Hügels mehrere Stunden auf uns gewartet und wir kamen nie zurück! Jetzt konnte sie ihn beruhigt anrufen und er versprach am nächsten Tag wieder zu kommen: so einfach wegmarschieren durften wir in Folge aber nicht mehr. Als „Wiedergutmachung“ für die lange Wartezeit, stimmten wir einem längeren Ausflug am kommenden Tag zu. Wir fuhren 16 Kilometer in die benachbarte Stadt Shriragapattana. Bei der langen Fahrt auf einer „Schnellstraße“ wurde es uns in der kleinen Rikscha neben vielen LKWs und Bussen manchmal doch etwas mulmig. In Shriragapattana gibt es einen bedeutetenden Tempel des Vishnu und auch einen Palast , in dem die islamischen Könige Mysores lebten, die Widerstand gegen die Briten leisteten – deren Festungen wurden zwar zerstört, sind aber ein beliebtes Ziel, da sie eindrucksvoll die Schaffenskraft dieser Periode zeigen. Erhalten blieb der Sommerpalast des letzten Königs, denn dann auch die Briten selber nutzen. Die Briten setzten später wieder eine Hindu-Herrscherfamilie ein, die bis zur Unabhängigkeit Indiens als Vasallen Großbritanniens in Mysore herrschten: der Palast der Maharajas von Mysore ist eines der touristischen Ziele in Mysore!

Unser Fahrer zeigte uns auch einen bedeutenden Ashram in Mysore, wies uns auf Lokale hin und war während des Aufenthaltes in Mysore ein jederzeit aufmerksamer Guide, der für uns den Aufenthalt in Mysore zu einem besonderen Erlebnis machte. Auffällig war, dass er uns zwar auf viele Lokale hinwies, selber aber nie eines der selben Lokale betreten hat, in dem auch wir waren, obwohl diese fast nur von Indern besucht wurden: das Kasten-Denken ist in Indien nach wie vor sehr verbreitet und so sind Guides und Fahrer oft sehr servil, was für uns oft schwierig war: man lernt zu schätzen, dass wir uns in Europa (meist) auf der selben Ebene einordnen und dementsprechend miteinander umgehen. Rikscha-Fahrer können in Indien sehr anstrengend sein, weil man kaum die Gelegenheit erhält ein paar Schritte zu Fuß zu gehen, sondern ständig um Kunden gekeilt wird. Außerdem sind viele auch, für unseren Standard, todesmutige Verrückte, die im dichten Getümmel indischer Städte scheinbar ohne Rücksicht auf das eigene Leben, das Leben der Passagiere geschweige denn die Gesundheit anderer Verkehrsteilnehmer mit maximaler Geschwindigkeit durch die Straßen pflügen: sie sind aber auch kompetente Berater in den Städten. Dabei sind aber die Englisch-Kenntnisse entscheidend – gerade junge Fahrer sprechen oft ausgezeichnet Englisch, viele andere aber nur Bruchstücke. Oft reagieren sie auf gewisse Stichworte und bringen dann vorab gelernte Sätze zum Besten – was manchmal zu recht skurrilen Unterhaltungen führen kann.

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2 Kommentare zu “Die Rikschafahrer von Mysore

  1. Pingback: Darf ich Ihnen mal was zeigen? Handeln in Indien! | Wundrig

  2. Pingback: Ein christlicher Kommunist als Tempelguide im Hindu-Tempel | Wundrig

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